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Unerwarteter Fund im Abwasser: Hamburg entdeckt Polio-Wildvirus

In Hamburg wurde Anfang Oktober 2025 erstmals ein Polio-Wildvirus Typ 1 (WPV1) im Abwasser nachgewiesen. Die genetische Analyse zeigt eine enge Verwandtschaft zu aktuell in Afghanistan zirkulierenden Viren. Der Fund ist ungewöhnlich, da Wildpolioviren weltweit nur noch in Afghanistan und Pakistan vorkommen und in Deutschland seit über drei Jahrzehnten nicht mehr nachgewiesen wurden. Klinische Fälle gibt es bislang jedoch keine. Der Nachweis deutet darauf hin, dass mindestens eine Person das Virus ausgeschieden hat, ohne zwingend Symptome gezeigt zu haben, ein Szenario, das typisch für Polioviren ist und die Bedeutung systematischer Abwasserüberwachung unterstreicht.

Eigenschaften und Übertragung von Polioviren

Polioviren gehören zur Familie der Picornaviridae und zählen zu den Enteroviren, die ausschließlich beim Menschen vorkommen. Es existieren drei Typen dieser Viren, Typ 1, 2 und 3, die alle in der Lage sind, eine Poliomyelitis auszulösen. Da Polioviren keine Virushülle besitzen, sind sie besonders widerstandsfähig gegenüber Umwelteinflüssen, sehr säurestabil und können schon früh nach einer Infektion im Rachen sowie wenig später im Stuhl nachgewiesen werden. Die Übertragung erfolgt vor allem fäkal-oral, also durch Kontakt mit kontaminierten Ausscheidungen, kann aber auch über Tröpfchen stattfinden, weil sich das Virus zunächst im Rachenraum vermehrt. Die Inkubationszeit reicht von wenigen Tagen bis zu zwei Wochen, abhängig davon, ob es zu leichteren oder schweren Krankheitsverläufen kommt.

Krankheitsverlauf und Symptomatik

Die meisten Menschen, die sich mit Polioviren infizieren, bemerken davon nichts. Über 95 Prozent der Infektionen verlaufen vollständig asymptomatisch. Bei einem kleinen Teil der Infizierten treten unspezifische Beschwerden wie Fieber, Hals- oder Kopfschmerzen auf. Man spricht dann von einer abortiven Poliomyelitis. Nur in seltenen Fällen befällt das Virus das zentrale Nervensystem und führt zu den gefürchteten schlaffen Lähmungen, die Poliomyelitis so gefährlich machen. Besonders relevant ist, dass infizierte Personen das Virus bereits ausscheiden, bevor Symptome auftreten, im Rachen schon rund 36 Stunden nach der Infektion und im Stuhl nach zwei bis drei Tagen. Die Ausscheidung über den Darm kann bis zu sechs Wochen dauern, in sehr seltenen Fällen sogar deutlich länger.

Bedeutung der Impfung

Der wichtigste Schutz vor Polioviren ist die Impfung. In Deutschland wird ausschließlich der inaktivierte Polioimpfstoff (IPV) verwendet, der keine lebenden Viren enthält und somit nicht zur Ausscheidung von Impfviren führt. Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Grundimmunisierung im ersten Lebensjahr sowie eine Auffrischimpfung im Schulalter. Dank dieser Impfstrategie konnte Polio in Deutschland eliminiert werden und weltweit wurde die Zahl der Fälle seit den 1980er-Jahren um mehr als 99 Prozent reduziert. Dennoch bleibt die Aufmerksamkeit hoch. Gesundheitsämter, Labore und das RKI arbeiten eng zusammen, um jeden Verdacht auf Poliomyelitis oder jeden Virusnachweis zu überwachen und schnell zu reagieren.

Einschätzung des Risikos und Bedeutung der Surveillance

Trotz des überraschenden Nachweises schätzt das RKI das Risiko für die Bevölkerung als sehr gering ein. Die Impfquoten, besonders bei Kindern, sind in Hamburg überdurchschnittlich hoch und bieten einen wirksamen Schutz vor der Erkrankung, auch wenn eine Weitergabe des Virus bei Ungeimpften nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. Solange Impflücken geschlossen, Reiseimpfempfehlungen beachtet und Verdachtsfälle frühzeitig erkannt werden, bleibt die Wahrscheinlichkeit eines klinischen Falls äußerst niedrig. Der Fund erinnert jedoch daran, dass Polioviren global weiterhin zirkulieren und konsequente Impfprogramme sowie eine verlässliche Surveillance entscheidend bleiben.

Auszug aus unseren Quellen zum Text:

RKI – Poliomyelitis (Kinderlähmung) – Poliomyelitis (Kinder­lähmung)

https://www.infektionsschutz.de/infektionen/erregersteckbriefe/poliomyelitis-kinderlaehmung/

https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/infektionskrankheiten/poliomyelitis-kinderlaehmung-742101.html